Die Geschichte des Absinths ist eine sehr mysteriöse Geschichte, die vor einigen Jahrhunderten begann. Der Absinth war nicht auf einmal hier, sondern hat sich langsam über einen langen Zeitraum entwickelt. An manchen Stellen verzweigt sich dann diese Entwicklung auch und schlägt neue Richtungen ein. Der Absinth wurde schon kurz nach seiner Entstehung in vielen Ländern Europas aufgenommen und dann ganz individuell nach dem nationalen Geschmack weiter verarbeitet. So entstanden viele verschiedene Absinth-Produktlinien, die alle wiederum ihre eigene Geschichte haben.
Um den Beginn der Geschichte des Absinths zu finden muss man sehr weit in die Vergangenheit zurück gehen und sich erst einmal näher mit den Rohstoff beschäftigen, aus dem der Absinth hergestellt wird. Das Wort Absinth liefert uns hier den entscheidenden Hinweis. Dieses Wort stammt aus dem französischen, dem Heimatland des Absinths, und bedeutet Wermut. Der Wermut ist der Grundstoff des Absinths und es handelt sich hierbei um eine Pflanze, die zu den Artemisia-Kräutern gehört. Diese Kräuter wachsen in den gemäßigten Klimazonen und genau aus diesem Grund beginnt hier die Geschichte des Absinths. Die Heilwirkung des Wermuts war schon circa 4000 Jahre vor Christus bekannt und die Menschen begannen sich mit diesen verschiedenen Eigenschaften zu beschäftigen. Wir wissen heute darüber Bescheid, weil uns heute noch schriftliche Zeugnisse aus dieser Zeit vorliegen. Auch in der Bibel werden die verschiedenen Kräuter dieser Gattung erwähnt und man spricht auch hier wohlwollend von den heilenden Eigenschaften. Bei den Griechen entstanden dann die ersten Tinkturen und Medikamente, die zum Teil mit Wermut hergestellt wurden. Als ein ganz besonderer Saft galt der Wermutwein, der zum Beispiel zur Entwurmung genutzt wurde und hier durchaus mit Erfolg eingesetzt werden konnte.
Dann im 18. Jahrhundert war endlich die Zeit des Absinths angebrochen. Die Entwicklungen, die zuvor stattgefunden hatten, spielten hier eine große Rolle und führten letztendlich zum Rezept für dieses mystische Getränk. Entstanden ist der Absinth im schweizerischen Kanton Neuenburg. Der Wermutwein war auch in dieser Region sehr beliebt und wurde von den meisten Menschen in dieser Gegend gerne getrunken. Welche Person den Absinth nun genau erfunden hat, ist nicht endgültig gelöst, weil dieser Teil der Geschichte von Legenden, Mythen und Propaganda stark beeinflusst ist. Die derzeit plausibelste Theorie geht davon aus, dass die Familie Henriod das Urrezept des Wermutelixiers entwickelte und dieses dann von dem Arzt Pierre Ordinaire aufgenommen wurde. Dieser konnte dank seiner fundierten wissenschaftlichen Kenntnisse das Rezept optimieren und für die Herstellung in großen Mengen vorbereiten. Dieser Arzt nutze nun auch dieses „élixier d‘absinthe“, um es seinen Patienten zu verabreichen. Im Jahr 1797 wurde dann dieses Rezept von einem Major erworben, der anschließend die erste Absinth-Brennerei gründete. Die ersten kleinen Ergebnisse aus dieser Brennerei, es handelte sich insgesamt um gerade einmal 16 Liter, wurden vollständig in das nahegelegene Frankreich exportiert. Um dem Ärger mit dem Zoll zu umgehen, entschied man kurz darauf das Gewerbe und die Produktion vollständig nach Frankreich zu verlegen und damit war die Grundlage für den Aufstieg des Absinths gelegt. Man ließ sich zunächst in der Stadt Pontarlier nieder und begann dort mit der Massenproduktion. Der Absinth feierte sehr große Erfolge und schnell entstand auch die erste Konkurrenz. Weitere Brennereien in der Schweiz und natürlich auch in Frankreich begannen ebenfalls damit Absinth herzustellen.
In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts war Frankreich in seiner Kolonie Algerien militärisch aktiv und während dieser Zeit kam es zu vielen medizinischen Zwischenfällen. Viele Soldaten wurden krank, was vor allem auf die schlechten hygienischen Bedingungen zurückzuführen war. Nach kurzer Zeit kam es dann auch zu den ersten Epidemien, die viele Menschenleben bedrohten. Die Militärärzte behandelten die französischen Soldaten mit einer Mischung aus Wasser, Wein und Absinth. Viele Soldaten erhielten täglich vorsorglich Absinth, weil man hoffte, so den Krankheiten vorbeugen zu können. Dieser Punkt kann ohne Bedenken als die Phase bezeichnet werden, in der der Absinth zum populären Massengetränk wurde. Die Produktion im Heimatland wurde massiv ausgeweitet und immer mehr Brennereien wurden gegründet. Den Markt beherrschten damals die beiden Unternehmen Pernod und Berger, die mehrere zehntausend Liter pro Tag produzierten und exportierten. Als die Soldaten dann aus Algerien zurückgezogen wurden und wieder in die Heimat kamen, verbreitet sich der Absinth sehr schnell in ganz Frankreich. Nun wurde er nicht mehr nur als Arzneimittel genutzt, sondern auch als Genussmittel konsumiert. Ab nun konnte man Absinth auch in den verschiedenen Cafés in Paris genießen.
Sehr schnell entwickelte sich der Absinth zum absoluten Trend und zwischen 17.00 und 19.00 Uhr trank der Großteil der Bevölkerung dieses Getränk. Es war eine Mode sich um diese Uhrzeit, die grüne Stunde, in den Cafés blicken zu lassen und gemeinsam mit Freunden ein Gläschen Absinth einzunehmen. Es etablierten sich auch die verschiedensten Trinkrituale in diesem Umfeld. In Frankreich wurde der Absinth damals in der Regel mit Zucker getrunken. Einige Zuckerstücke wurden dazu auf einem speziellen Absinthlöffel platziert und anschließend wurde kaltes Wasser über den Zucker geträufelt, worauf sich dieser auflöste. Im Glas blieb dann eine milchig weise Flüssigkeit zurück, die einen leichten Grünstich hatte. In dieser Zeit veränderten sich die Trinkgewohnheiten in Frankreich massiv und vielerorts wurde der Konsum von Absinth auch übertrieben. Zum Beispiel war Absinth das erste alkoholische Getränk, welches von den Frauen in der Öffentlichkeit konsumiert werden durfte und die Männer genossen diese grüne Spirituose in Massen. Der Absinth war zudem sehr günstig, weshalb sich viele Bevölkerungsschichten dieses Vergnügen leisten konnten. Aus diesem Grund entwickelte sich der Absinth dann auch zu einem Getränk der Arbeiter und der Künstler. Der regelmäßige Alkoholkonsum galt bald als normal und es stellte sich eine Trinkgewohnheit ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konsumierten die Franzosen über 200 Millionen Liter Absinth pro Jahr. Dies sollte später mächtige Gegner auf den Plan rufen.
Eine Personengruppe, die in der Geschichte des Absinths eine besondere Rolle spielte, waren die Künstler, die oftmals in ärmlichen Verhältnissen lebten und sich von dem günstigen Absinth Inspiration versprachen. Diese sollten sie auch finden und so entstanden dann einige der bedeutendsten Kunstwerke unter dem Einfluss von Absinth und natürlich wurde dieses Thema auch häufig in den Mittelpunkt der künstlerischen Tätigkeit gerückt. Der Absinthrausch galt als eine Muse, der die gesamte malende und literarische Elite verfallen war. So entstanden wunderschöne Gemälde von Vincent van Gogh, Paul Gauguin und Pablo Picasso, die direkt oder indirekt vom Absinth beeinflusst waren. Viele andere Künstler legten ebenfalls bedeutende Werke vor und schafften es den Kult um dieses Getränk noch einmal zu steigern. In der literarischen Ecke sollte man vor allem Oscar Wilde erwähnen, der sich ebenfalls vom Absinth inspirieren ließ. Doch der Absinth hatte auch seine Schattenseiten. Er förderte den Genuss von hochprozentigen Getränken und der Branntweinkonsum schoss in ganz Europa in die Höhe. Die Folge waren schwere soziale Krisen, die erst durch gesetzliche Maßnahmen teilweise zurückgedrängt werden konnten. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen sich die ersten Absinthgegner zu formieren.
In den 1850er Jahren warnen die ersten Stimmen vor einem übermäßigen Absinthkonsum. Ein zentrales Thema war natürlich die Sucht, die sich im Zusammenhang mit diesem Getränk ausweitete. Neben dem Alkoholismus und der körperlichen Abhängigkeit kam es in den meisten Fällen auch zu einer psychischen Abhängigkeit. Die Folgen waren schnell sichtbar. Es kam zu massiven sozialen Abstiegen und anderen negativen sozialen Entwicklungen. Auch die Halluzinationen, die sich während des Absinthrausches ereignen können, stellten einen wichtigen Kritikpunkt der Gegner dar. Es gab auch die ersten Anstrengungen den Absinth gesetzlich verbieten zu lassen, aber diese scheiterten zunächst am Widerstand in den Eliten und in der restlichen Bevölkerung. Besonders an einem Verbot interessiert waren natürlich auch die Weinproduzenten, die die Konkurrenz des Absinths zu spüren bekamen. Im Jahr 1907 kam es sogar zu einer großen Demonstration in Paris, die zum Ziel hatte, ein Verbot von Absinth zu erreichen. Unterstützung bekamen diese Menschen von den Medizinern, die ebenfalls den Ausschank von Absinth verbieten wollten, weil gerade in den billigen Absinthprodukten viele Schafstoffe gefunden wurden. Der Auslöser, der die ganze Sache dann erst richtig in Fahrt brachte, war ein spektakulärer Mordfall in Commugny im Jahr 1905, der dann letztendlich auch zum Verbot des Absinths in den meisten europäischen Ländern führte. Ein Weinbauer, der jeden Tag sehr viel Wein zu sich nahm, ermordete nach ein paar Gläsern Brandwein und Absinth seine ganze Familie. In Belgien wurde dann auch im selben Jahr der Absinth gesetzlich verboten und die Schweiz folgte dann 1910 nach dem sich eine Volksinitiative dafür ausgesprochen hatte. Nur kurze Zeit später verabschiedete auch Frankreich im Jahr 1914 ein entsprechendes Gesetz.
Nachdem der Absinth in den meisten europäischen Ländern nun gesetzlich aus der Öffentlichkeit verdrängt wurde, versuchten sich die Produzenten in den Untergrund zu retten. Der Marktführer Pernod verlegte seine Produktion zunächst nach Spanien, wo der Absinth nach wie vor verkauft werden durfte. Als ein weiteres wichtiges Produkt nahm man dann auch die verschiedenen Anis-Schnäpse mit in das Sortiment auf. In der Schweiz wurde die Destillation des Absinths im Untergrund weitergeführt. Der Absinth wurde daraufhin erst Recht zum Kultgetränk und man lieferte sich kleinere Zankereien mit der Staatsmacht.
In den 1990er Jahren konnte sich der Absinth dann langsam wieder in der Öffentlichkeit etablieren und auch die Schweiz legalisierte ihn am 1. März 2005 wieder. Das schon über eine Generation dauernde Verbot des Absinths stärkte den Mythos und verhalf dem Absinth zurück in die Cafés. Die ersten Genießer wurden nun auf England aufmerksam, hier hat es nie ein Verbot gegeben und der Absinth durfte hier offiziell produziert und verkauft werden. Zudem begannen sich nun einige tschechische Hersteller auf dem Markt zu engagieren und in Folge dieser Entwicklung gelangte der Absinth wieder in das Bewusstsein der Menschen. Als dann die ersten Lifestyle-Magazine über den Absinth und seine Geschichte berichteten, avancierte der Absinth zum Mainstream-Getränk der Szene. Es wurde auch über die verschiedenen historischen Trinkrituale diskutiert und weitere neue Rituale wurden eingeführt. Auch in Filmen und in den anderen Medien begann der Absinth wieder eine große Rolle zu spielen. Aus diesem Grund stieg dann auch die Nachfrage nach diesem grünen Getränk. Viele Hersteller und Verkäufer von Absinth begannen nun gegen die bestehenden Gesetze vorzugehen und in den meisten Fällen wurden diese dann auch entschärft oder ganz zurückgenommen. Mittlerweile kann man Absinth wieder innerhalb der EU und in der Schweiz erwerben. Sehr lange an ein Verbot klammerte sich die USA, die erst 2007 wieder den Verkauf von Absinth unter strengen Auflagen erlaubten.
Die Geschichte des Absinths ist sehr wechselvoll und schwankt zwischen Massenbewunderung und totaler Abneigung. Viele Menschen haben sich im Laufe der Zeit vom Absinth beeinflussen und inspirieren lassen. Es gibt wohl kein Getränk, das die Kultur von uns Europäern so beeinflusst hat, wie der der Absinth.