Der Mythos Absinth

Es ist kaum vorstellbar, dass ein so unscheinbares Getränk wie der Absinth die Geschicke der Menschen so beeinflussen konnten, wie es in den vergangenen 200 Jahren geschehen ist.

Zahlreiche Legenden und Mythen ranken sich um diese hochprozentige grüne Flüssigkeit, die seit ihrer Erfindung die Menschen in den Bann gezogen hat. Arbeiter, Künstler und auch die Elite der damaligen Gesellschaften ließen sich in den Bann des Absinths ziehen und haben damit zum Mythos um den Absinth beigetragen. Einige der schönsten und beeindruckendsten menschlichen Kulturleistungen wurden unter dem Einfluss des Absinths vollbracht oder von ihm inspiriert. Auch die Emanzipation der Frauen wurde von ihm beflügelt und die Freiheit der Menschen wurde dank des Absinths für alle Menschen greifbar. Doch auf der anderen Seite war dieses Getränk auch für viele negative Entwicklungen verantwortlich. Viele Menschen wurden abhängig von diesem Getränk und auch die Zahl der Geisteskranken nahm in den Hochzeiten des Absinths massiv zu. Letztendlich sahen sich die Regierungen Europas und der restlichen westlichen Welt gezwungen, den Absinth zu verbieten. Dies verstärkte unter den Anhängern den Zusammenhalt und von nun an war der Absinth erst recht ein Mythos.

Wenn man den Mythos Absinth aufarbeiten möchte, dann muss man sich zunächst mit dem Rohstoff dieses Getränks beschäftigen. Schon dem Wermut werden die verschiedensten Eigenschaften zugeschrieben und in der Tat handelt es sich hierbei um eine sehr wirkungsvolle Heilpflanze, die bei den verschiedensten Leiden und Krankheiten eingesetzt werden kann. Dieses Kraut ist auch schon seit Urzeiten bekannt und man verwendete es in den verschiedensten Situationen. Wegen der Bitterstoffe wird der Wermut deshalb sehr häufig bei Magenbeschwerden eingesetzt. Auch wirkt er antiparasitär und aus diesem Grund wurde der Absinth auch häufig eingenommen, um den eigenen Körper von Würmern zu befreien. Aus dieser bekannten Heilpflanze wurde dann der Absinth hergestellt und sofort hatte der den Ruf eines gesunden und heilenden Getränkes. Ursprünglich wurde der Absinth in der Schweiz erfunden und nach einem speziellen Familienrezept hergestellt. Später begann sich dann ein Arzt für dieses Elixier zu interessieren und auch er unterstellte ihm medizinischen Nutzen. Die Familie des Absinths verkaufte dann dieses Rezept weiter und kurz darauf begann die Massenproduktion. Der Schwerpunkt dieser Entwicklung verlagerte sich nun nach Frankreich, wo der Siegeszug des Absinths begann. Die wichtigsten Grundlagen wurden gelegt, als man sich mit den Militärärzten zusammenschloss und dadurch der Absinth in ganz Frankreich bekannt wurde. Ein wichtiges Element, dass den Mythos Absinth unterstützt, ist die medizinische Wirkung, die ihm jahrelang nachgesagt wurde.

Ein weiteres Kapitel des Mythos begann dann in den vielen Straßencafés in Frankreichs Städten, als sich ein Kult um dieses Getränk zu etablieren begann. Man traf sich dann im späteren 19. Jahrhunderte gerne zwischen 17.00 und 19.00 Uhr in einem der Straßencafés, um gemeinsam das eine oder andere Gläschen Absinth zu trinken. Diese Zeit wurde so populär, dass sie bei einem Großteil der Bevölkerung unter der Bezeichnung „Grüne Stunde“ bekannt wurde. Das besondere hieran war, dass alle sozialen Schichten der Bevölkerung von diesem Kult erfasst wurden und sogar die Frauen nun zum ersten Mal alkoholische Getränke in der Öffentlichkeit konsumierten. Gerade diese Beliebtheit brachte dann auch die hässliche Seite des Absinths hervor. Viele Menschen verfielen der Sucht und auch schwere soziale Folgen waren eine Ursache für das spätere Verbot. Der Absinth war das erste populäre branntweinhaltige Getränk, welches so weit in die Bevölkerung integriert war, dass auch gesundheitliche Folgen nicht ausbleiben konnten. Die Anzahl der abhängigen Personen und der Geisteskrankheiten stiegen rapide an. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete dann ein Mord. Ein Familienvater brachte seine ganze Familie unter dem Einfluss von Wein und Absinth um. Dieses Ereignis war der Auslöser für eine breite Ablehnung des Absinths und letztendlich kam es dann auch in den meisten europäischen Ländern zu einem Verbot. Der Absinth begann sich dann in den Untergrund zurückzuziehen und dies begründete dann erst recht den Mythos dieses Getränks. Der Aufstieg und Fall, die gesellschaftliche Anerkennung und die folgende Ächtung verschärften dann die Legende um den Absinth.

Einen weiteren besonderen Faktor beim Mythos des Absinths spielten auch die verschiedenen Rituale, die eine besondere Trinkweise des Absinths favorisierten. Vor allem in Frankreich war dies sehr ausgeprägt. Man legt hierbei ein Stück Zucker auf einen speziellen Absinthlöffel und dann wird dieser Löffel über das Glas mit dem Absinth gelegt. Anschließend wird so viel Wasser über den Zucker getropft, bis der Zucker vollständig aufgelöst ist. In anderen Ländern haben sich weitere Rituale entwickelt, die auch heute noch häufig eine Rolle spielen.

Der letzte Pfeiler des Mythos bilden die vielen Künstler, die sich vom Absinth haben inspirieren lassen und die dann Meisterwerke schufen, die noch heute zu den wichtigsten Werken dieser Epoche zählen. Auch sie haben ihren Teil zum Mythos des Absinths beigetragen. Dies war jedoch nicht nur im positiven Sinne so. Vincent van Gogh soll sich während eines Absinthrausches ein Ohr abgeschnitten haben.